Das Porträt: Der Mannheimer Fotograf Torsten Mitsch hat einen ungewöhnlichen Blick für die Alltagswirklichkeit

Gespür für magische Momente

Kitschig bunt, aber mit Sprüngen versehen. Sehr lebendig, aber immer menschenleer. Gerümpel, das aber auf den zweiten Blick geordnet erscheint. Und ein Bildwitz, der es in sich hat. - Wer schon einmal Fotografien von Torsten Mitsch gesehen hat, etwa zuletzt während der Off//Foto in den Breidenbach Studios in Heidelberg, der wird neugierig darauf, was dahinter steckt.

Um Antworten auf ein paar Fragen zu bekommen, treffen wir uns zum Frühstück in der Neckarstadt-Ost in Mannheim. Torsten Mitsch, geboren 1974 in Ludwigshafen, ist ein Quereinsteiger, einer, der zwar sein ganzes Leben fotografiert hat (mit zwölf hatte er seine erste Kleinbildkamera) und der gelernt hat, Schwarzweißvergrößerungen herzustellen.

Aber erst seit 2009 übt er seine Kunst professionell aus, wobei er sagt: "Das Stetigste, das ich im Leben gemacht habe, war die Fotografie." Seither war er in der Metropolregion auf vielen Ausstellungen zu sehen, zumeist in Off-Spaces wie der Produzentengalerie "Peng!", bei den Strümpfen im Jungbusch oder bei "Rozku", der leider nicht mehr existenten Galerie hinter der Feuerwache. Dass er fotografieren kann, wurde immer wieder festgestellt, er war bei der Ausstellung "Artscoutone" dabei, und Arbeiten von ihm wurden vom Kulturamt angekauft.

Randgebiete des Sehens

Was ist also das Besondere an seiner Fotografie? Auf den ersten Blick wirken die Bilder chaotisch, häufig bunt, als würde einfach alles unterschiedslos, nicht ausgewählt festgehalten. So lassen sich in früheren Jahren etwa ein unordentlicher Vogelkäfig in süßen Farben, chaotische Garagen oder Fotografien von alten Plakaten finden. Gemeinsam ist allen diesen Motiven ein nicht wertender Blick auf die Wirklichkeit, auf alles, was es zu sehen gibt. Erstaunlich ist die Vorliebe für Randgebiete, wo eigentlich niemand fotografieren würde, wo nur Beschädigtes, Zerstörtes oder zumindest Abgelebtes existiert, wo sich absolute Trivialität mit dem Drama kreuzt.

Aber wie entstehen diese Bilder? "Ich laufe viel herum, bin immer unterwegs, halte die Augen offen, versuche, nicht zu finden, was ich suche. Von 99 Ausflügen ist es einer, wo es etwas gibt. Das kann auch große Frustration auslösen", so der Künstler. Er ist unterwegs in Gebieten in Mannheim, in denen nichts passiert, was für ihn von Interesse wäre.

Doch plötzlich ist es da. Er spürt es sofort, wenn es ein gutes Bild gibt, und kann sich an die meisten Situationen erinnern, in denen seine Fotos entstanden sind. "Der Moment, in dem ich drauf drücke - und ich weiß es!" Er fotografiert immer analog, hat alle Arten von Kameras: Klein-, Mittel- und Großformatkameras, im Moment sind es sechs, außerdem eine digitale. Seine Lieblinge sind die Leicas, eine ist 60 Jahre alt, massiv aus dem Metallblock gefräst. "Mit den Leica-Objektiven sind die Farben viel schöner, die Farbtemperaturen müssen stimmen", sagt der Künstler.

Komposition immer wichtiger

In seinem Werk ist eine Entwicklung festzustellen: Die schon immer prägenden Farbpunkte, die seinen Bildern innewohnen, passen immer besser zu den Linien, Streben, Vertikalen, die die Bildflächen zusammenhalten. Immer stärker geht es nun um die Tiefe und den Raum an sich, weg von der Fläche. Die Bildkonstruktionen werden stabiler, dichter, auch wenn das Thema eigentümlich bleibt wie etwa ein Farbeimer auf einem Gartenstuhl.

Aber das Thema, das eigentliche Motiv spielte schon immer bei Torsten Mitsch kaum eine Rolle. Es geht vielmehr um die Fotografie an sich, um die Suche nach dem einen Bild und um den besonderen, ganz individuellen Blick des Fotografen.

© Susanne Kaeppele - Mannheimer Morgen, Freitag, 29.01.2016



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