Das Porträt: Die Ludwigshafenerin Karin Maria Zimmer sucht Töne und Klänge im Alltag der Menschen und macht daraus Kunst

»Die Musik muss in den Raum«

Eine Frau in roter Bluse steht barfuß allein im Raum, ringsum sind Kunstwerke aller Art und - Kabel. Sie singt Laute in einer unbekannten Sprache, die sich um die Papierarbeiten von Angela Glajcar schmiegen oder um die anwesenden Mitglieder des Kunstvereins Speyer. Die Klangkünstlerin Karin Maria Zimmer arbeitet schon immer gerne mit Bildender Kunst. Ursprünglich war sie als klassische Sängerin ausgebildet worden - sie verfügt über einen sehr schönen Mezzosopran -, dann setzte sie ein Kunststudium an der Hochschule der Bildenden Künste Saar noch oben drauf. Ihre Abschlussarbeit in den Audiovisuellen Medien bei Christina Kubisch, deren Meisterschülerin sie auch war, stand ganz in der Verbindung von Bild und Klang, von visuellen und auditiven Elementen. Und beinhaltete schon vieles von dem, das sie auch heute noch antreibt: Im Zentrum steht ihre Stimme, die Laute formt und sich in Melodien verliert.

Ein Chor aus ihrer Stimme allein

Aber jenseits ihrer klassischen Gesangsausbildung programmiert sie heute ihr eigenes Orchester selbst. Aus den Samples ihrer Stimme, die live entstehen, entwickelt sich ein Chor aus ihr allein. Ähnlich verfährt sie mit den jeweiligen Instrumenten (etwa mit dem Klavier) und Geräuschen aus dem urbanen Raum wie das Zwitschern der Vögel oder das Rauschen von Flugzeugen, von denen sie einzelne Motive oder Akkorde aufnimmt, dann mischt und über ein gitarrenartiges Instrument anspielt. So entstehen Klangteppiche, die die Räume erfüllen und "den Zuhörer in sein Inneres einladen", wie es die Künstlerin ausdrückt. Heute verwendet sie häufig ein Monochord. Dieses seltene Instrument wirkt archaisch und fremd und einfach zugleich. Auf einen Ton gestimmt, lässt es genuin die Obertöne mitklingen.

Als Inspiration für ihre Entwicklung nennt Karin Maria Zimmer John Cage, den großen Komponisten des 20. Jahrhunderts, der außerordentlich einflussreich die Neue Musik in Richtung Happening und Fluxus führte. So wies er auch ihr den Weg "aus dem starren Metier ins künstlerisch Offene", denn wie sie sagt, "die Musik muss in den Raum". Etwa in eine Installation, die sie in einem Berliner Wasserspeicher schuf, wo verschiedene Worte und Töne, die auf die Geschichte des Ortes verwiesen, im Raum hörbar gemacht wurden. Im vergangenen Jahr zeigte sie eine Performance im Rahmen der Aktion "Saubere Stadt" in Ludwigshafen: Mehrere leere Mülltonnen lagen scheinbar wahllos herum, die Künstlerin war im orangenen Outfit der Müllwerker mit einem Megafon unterwegs und intonierte, ja sang Worte wie Verantwortung, Achtung oder Respekt. Aber immer stärker abstrahiert, immer wieder aus dem Zusammenhang gerissen. Sie betonte etwa nur "Acht" für Achtung oder "Wort" für Verantwortung. Diese Art der Klangkunst in die Öffentlichkeit zu bringen, ist für Karin Maria Zimmer außerordentlich wichtig. "Die Kunst muss zu den Menschen kommen, nicht der Mensch zur Kunst."

Eine visuelle Arbeit ("Am Anfang war das Wort") hatte sie 2008 am Kultusministerium in Saarbrücken geschaffen, in dessen runde Fenster sie digitale Lichter setzte, die ein Muster in Blindenschrift ergaben. Hier zeigte sich eine gewisse Paradoxie: Sehende können schließlich keine Blindenschrift lesen und Blinde können sie nicht sehen, dennoch ließ sie in der Rhythmik der aufflammenden und verlöschenden Lichter die Wortbildung an sich anklingen.

Begegnung zweier Religionen

Ein weiteres Beispiel war ihre Arbeit für die Akademie Weingarten, bei der es um die wichtigsten Religionen in Deutschland ging, um das Christentum und den Islam. Aus einem Lautsprecher am Kirchturm ertönte mehrmals täglich eine lautmalerische Intonation ohne Sinn, die an einen Muezzin erinnerte, der zum Gebet ruft, aber auch an einen meditativen gregorianischen Choral. Zu einer Verschmelzung kam es nicht, aber zu einer Annäherung. Für die Künstlerin war wesentlich: eine Frauenstimme intonierte die Musiksprache. Eine Begegnung und Herausforderung zugleich - zwei wesentliche Ansprüche an ihre Kunst.

© Susanne Kaeppele - Mannheimer Morgen, Mittwoch, 25.04.2012



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