Nachruf: Mit Norbert Nüssle starb einer der letzten großen Mannheimer Künstler

»NoNü« ist nicht mehr

Am Freitag starb Norbert Nüssle zu Hause im Bett - nach einer letzten Zigarette! Ein schöner Tod für einen der letzten großen alten Mannheimer Künstler, der immer noch aktiv war und dieses Jahr 80 Jahre alt geworden wäre. Gerade in der letzten Zeit erfuhr er die ihm zustehende Beachtung: Im September 2011 wurde sein Werkverzeichnis in der Kunsthalle vorgestellt (wir berichteten), das die Stiftung Mannheimer Künstlernachlässe mit Unterstützung unter anderem durch die Lions angelegt hatte.

Seine langjährige Galerie La Navire (eigentlich in Brest, neuerdings mit einer Dependance in der französischen Hauptstadt), richtete ihm im Juni 2010 eine Ausstellung im geliebten Paris aus, zu der er auch anreiste. Ja, für Frankreich, da schlug sein Herz . . . 1932 in Heidelberg geboren, studierte der ehemalige Schüler des Karl-Friedrich-Gymnasiums Romanistik in Heidelberg, Paris und Lille. Seit etwa 1951 war er autodidaktisch künstlerisch tätig. Zunächst schuf er Malerei in Mischtechnik à la Art Brut, dem damals aktuellen Stil der Zeit. Aber bald schon schleichen sich erste Papierschnipsel ein und die Collage à la "NoNü" entsteht, eine Kunstrichtung, der er sein Leben lang treu blieb und die er stets weiterentwickelte.

Typisch für ihn wurden nach seinen Straßenbildern in Frankreich die runden Platzbilder von Mannheim, die minuziös den aktuellen Zustand der Stadt festhalten. Authentizitätsstiftende Gegenstände aus dem Außenraum bringt er mit auf, Bonbonpapierchen, Zigarettenschachteln oder aktuelle Reklameschnipsel. Viele neue Themen in der Collage sind ihm zu verdanken, wie etwa die Bilder von den "Fernsehleichen": Collagen mit dem Fernseher im Mittelpunkt, vor dem blutige Tote aus Illustriertenschnipseln liegen. Oder seine Serviettenbilder, ureigenste Erfindungen des Künstlers, der aus den papiernen Mundtüchern mit Zeichnung, Malerei und Collage völlig neue Werke schuf.

Liebhaber des Absurden

Der begeisterte Leser liebte vor allem Samuel Beckett und Eugène Ionesco, also die existenzialistische, absurde Literatur, die er kongenial in die visuelle Bildsprache übersetzte. Dass er seit 1964 ausstellen konnte und bundesweit Erfolg hatte, verwundert dann nicht, aber auch die Präsenz in Frankreich, seinem Lieblingsland, wo er lange Jahre ein Sommeratelier in der Bretagne unterhielt, wurde ihm zum Lebensinhalt. Nun ist der große Frankreichfreund, Zigarettenraucher und Collageur gestorben - und wir möchten ihm, dem freundlichen Existenzialisten, zurufen: Schau mit Milde auf uns, die wir noch weiter auf Erden herumkrabbeln!

© Susanne Kaeppele - Mannheimer Morgen, Montag, 05.03.2012



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