Atelierbesuch: In der Genossenschaftlichen Burg auf der Friesenheimer Insel arbeitet die Bildhauerin Jutta Steudle

Zwischen Schein und Sein

Immer wieder großartig ist die Kulisse im Industriehafen, wo einst riesige Mühlen arbeiteten, wo der Fluss noch immer die entscheidende Verkehrsader ist und wo nun erfreulicherweise den roten Backsteinbauten neue Nutzungen zukommen. Hier, in der Friesenheimer Straße, befinden sich mehrere Künstlerateliers - groß und hell. Auch die Bildhauerin Jutta Steudle ist hier untergekommen, sie teilt sich einen riesigen, hohen Raum mit einem Fotografen. Und hat einen großartigen Blick aufs Wasser.

Stille herrscht hier, rein physisch, aber auch formal und inhaltlich. Denn die gebürtige Stuttgarterin schafft eigentümliche Dinge aus den verschiedensten Materialien. Man könnte auch sagen, der Werkstoff ist ihr nicht Mittel zum Zweck, zum Ausdruck, sondern das Wesentliche, Eigentliche. Sie sucht das Charakteristische jedes Stoffes und belegt es mit eigenen Assoziationen. Mal formte sie aus Latex Kleidchen wie aus Haut ("Abstrakter Begriff von etwas Neuem", 2006) oder schuf länglich-runde Gebilde, die mit Luft aufgeblasen wurden ("Atemlos", 2008). Beides war zu sehen bei Peng!, der alternativen Produzentengalerie in der Mannheimer Neckarstadt, zu deren Begründern auch Jutta Steudle gehörte.

Wichtige Einflüsse

Beim Studienbeginn in Karlsruhe 2001 kam ihr wohl zugute, dass sie schon 29 Jahre alt war, denn: "Es ist alles offen in Karlsruhe, nicht so verschult wie in Stuttgart, man muss sich am Anfang echt durchbeißen, wird nicht an der Hand genommen. Aber dadurch ist es auch sehr frei." Sie hat bei unterschiedlichen Professoren studiert und von den meisten etwas mitgenommen. Steudle blieb in Mannheim wohnen, jobbte hier im "Café Odeon" und fuhr immer nach Karlsruhe.

Ein wichtiger Einfluss wurde für sie der berühmte Multimediakünstler John Bock, den sie sehr schätzt: "Er ist sehr frei und locker, hat ein offenes Prinzip, alle anderen Klassen konnten auch zu ihm kommen." Ein weiterer wichtiger Einfluss ist das Schaffen der deutsch-amerikanischen Bildhauerin Eva Hesse, die in den 60er Jahren mit den damals ungewöhnlichen Materialien Naturkautschuk, Glasfaser und Polyester arbeitete. Jutta Steudle nahm auch Hesses Vorliebe für seltsame Schnüre auf, die an und um deren plastische Körper baumelten.

Heute scheint Jutta Steudle sehr viel unabhängiger geworden zu sein: Ihre eigentümlich gestalteten Ballons aus Polyester hat man so noch nie gesehen. Die Künstlerin nimmt sich als Vorbild eingedellte aufblasbare Gummibälle, nimmt deren Form ab, zunächst aus Ton, dann fertigt sie ein Gipsnegativ und zum Schluss das Polyesterpositiv. Dabei geht es ihr um das Festhalten des Zerfallenden, Ausfließenden, denn alle diese Formen haben unterschwellig eine malerische Fläche, als sei Farbe in ihnen gewesen, die jetzt ausläuft. "Ein zartes Äußeres und ein bedeutungsschwangeres Inneres", so die Künstlerin. Im Moment beschäftigt sie sich am meisten mit Papierplastiken: Sie bestreicht Packpapier mit Acrylfarbe in Rosa, Hellblau oder Weiß, kurz vor dem vollkommenen Abtrocknen zerknüllt sie das Papier - und das erstarrt verblüffenderweise in dieser Form.

Ebenso plastisch wie malerisch

Diese Kunstwerke sind plastisch und malerisch zugleich, wirkt der braune Farbton des Packpapiers doch mit. Und sie sind gleichzeitig hochsensibel, zart und dann doch in ihren erstarrten Formen auch heftig. Das Besondere an der Arbeit von Jutta Steudle ist, dass der Betrachter lange Zeit braucht, um ihnen anzusehen, dass sie fern jeder bekannten Realität sind, dass sie nicht das sind, als was sie erscheinen. Aber dann wird man belohnt durch völlig neue Einblicke in wirklich unbekannte Welten.

© Susanne Kaeppele - Mannheimer Morgen, Montag, 7. Januar 2011



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