Das Porträt: Der Fotokünstler David Gaiser begleitet die körperliche Veränderung bei sich selbst, bei Freunden und seiner Familie mit der Kamera

Ganz fremd, ganz fern und ganz einfach

Eigentlich wird er ja erst allmählich wieder zum Künstler, der 1954 in Ulm geborene David Gaiser, der heute in Birkenau im Odenwald lebt und seit kurzem Mitglied des BBK Mannheim ist. Zwar studierte er von 1975 bis 1981 Malerei an der Akademie in Karlsruhe (unter anderem bei H. E. Kalinowski), war aber aus Broterwerbsgründen (verheiratet, zwei Kinder) über 20 Jahre nur als Kunstlehrer tätig.

Ein Neuanfang mit 50

Bis zu seinem 50. Geburtstag. Um diesen Tag herum, der ja von vielen Menschen als heftige Zäsur wahrgenommen wird und zum Nachdenken über den bisherigen Lebensverlauf anregt, begann er mit einer Digitalkamera künstlerisch zu experimentieren. Zunächst mit einer Fotobox, in der er bis heute an sich selbst, der Familie und Freunden physische Veränderungen dokumentiert, den Lauf der Zeit in den Gesichtern, Haltungen, aber auch der Kleidung festhält. Die Fotobox ist ein ausgeklügeltes und gleichzeitig ganz einfaches Gehäuse aus Pressspanplatten in seinem Atelier im Dachgeschoss, in dem sich die "Modelle" mit Selbstauslöser ablichten.

Gaiser macht von sich selbst jeden Tag drei Fotos (stehend, sitzend, nur das Gesicht mit einem die Kleidung verdeckenden Tuch), das ist "integriert in mein Leben wie Zähneputzen", wie er lächelnd erklärt. In den Räumen des BBK Mannheim in der Alten Feuerwache hatte er letztes Jahr eine kleine Ausstellung mit eben diesen Bildern.

Auch die Poesie spielt eine Rolle im Schaffen des David Gaiser. Etwa seine Experimente mit der Digitalkamera und seinem "Chinesischen Tapetenbüchlein" (2003), das er als Kind innig liebte und von dem er verschwommene und dadurch romantische Fotografien aufnahm. Oder seine "Schraubenbilder" (2004): ganz einfach, ganz akkurat und sehr merkwürdig. Wie Soldaten stehen schlichte Schrauben da, wie sie jeder im Werkzeugkasten hat, sie werfen wunderbare Schatten, die Farbigkeit hat etwas Erdiges, und so entsteht der Eindruck von Soldaten in einem Wüstenkrieg. Schleier eines virtuellen Stoffs.

Der scheue Künstler nutzt einfachste Mittel und kommt durch weise Beschränkung und seine Hartnäckigkeit zu großartiger Kunst. So wollte er eigentlich mit den Reflexen von Glasscheiben experimentieren, weshalb er weiß beschichtete Spanplatten besorgte, in die Nuten einge-fräst sind für die Scheiben. Nach kurzer Zeit stellte er fest, dass es ihm als künstlerisches Spektrum vollständig genügte, die Nuten auf dem weißen Material zu fotografieren. So entstanden zahlreiche, fast konkrete Fotografien, die sich in Aufnahmewinkel, Lichtqualität (warm, kalt) oder Linienansatz voneinander unterscheiden.

Eine weitere Serie nennt er "web": Auf vorhandene Fotografien legt Gaiser in der Bildbearbeitung ein virtuelles Netz - es stammt aus einem alten Strandkorb-Foto.

Das teilweise zugepixelte Bild erinnert dann sehr an Malerei auf Fotografie. Aber der Unterschied ist eben, dass sich keine pastose Farbe auf dem Bild befindet, sondern virtueller Stoff, der die ruhige Fläche des Fotos durch die interaktive Struktur eigentümlich belebt.

Dieses Gewebe kann durchaus auch gestische, expressive Spuren erzeugen, weil David Gaiser hierbei malerisch vorgeht mit pixeliger Computerfarbe, die das Foto angreift oder besser, "eine neue Bildwirklichkeit hineinbringt", wie der Künstler selbst erklärt.

Auf diese Weise kommt er eigentlich zurück zu seinen Anfängen mit der Malerei, und wir dürfen gespannt sein, was dieser ungewöhnliche Künstler, der auf eine Art erst am Anfang steht, als nächstes Projekt angehen wird.

© Susanne Kaeppele - Mannheimer Morgen, 12. Dezember 2007



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