Kunst: "Filmische Wahrheiten" im Heidelberger Kunstverein

Authentizität oder Poesie - was ist uns wichtiger?

"Film ist Wahrheit, 24 mal pro Sekunde." Dieser wuchtige Lehrsatz von Jean-Luc Godard steht implizit im Zentrum der großangelegten Schau im Heidelberger Kunstverein, mit der sich sein Leiter Johan Holten erneut als Kurator mit internationalen Kontakten präsentiert, der ein brisantes Thema der aktuellen Bildenden Kunst sinnlich und sinnstiftend mit zwölf verschiedenen Künstlern zu behandeln vermag.

Die Ausstellung verweist zentral auf die Geschichte des Films: Der deutsche Filmemacher und Filmtheoretiker Harun Farocki (Jahrgang 1944) demonstriert anhand von D.W. Griffiths "Intolerance" (1916) quasi didaktisch im Museumsraum, wie Film funktioniert, wie Film eben nicht die Wahrheit verbreitet, sondern künstlerisch fixiert ist durch die Montage. Die Amerikaner Jennifer und Kevin McCoy thematisieren hingegen in ihrer zauberhaften Videoinstallation "Traffic #2: At Home" von 2004 spielerisch das Sehen von bewegten Bilder mit: Eine modellhafte Anlage wird mit neun Kameras aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen, in einem winzigen Fernseher sehen dann Puppen das Ergebnis und wir den Puppen beim Sehen zu.

In einer weiteren Variante, die durch absurde Filmschleifen am Projektor an das "Expanded Cinema" der 60/70er Jahre erinnert, demonstrieren Karen Mirza und Brad Butler aus London ebenfalls das Sehen von Bildern, aber auch das Thema der filmischen Wahrheit: Denn eigentlich nehmen wir nichts wahr, wie das schwarze Rechteck auf der Leinwand suggeriert, und die Glühbirne ist ein Foto.

Sehr schön arbeitet die gebürtige Polin Magdalena von Rudy (Jahrgang 1973) in ihrem Video "Medusa" mit Found-Footage-Material (Ton) aus einem Hollywood-Film, rekurriert dabei intelligent auf die Film- und Kunstgeschichte und entwickelt eine außerordentlich fesselnde Videoperformance. Im Studio gleicht dann der allmählich sehr erfolgreiche Clemens von Wedemeyer (Jahrgang 1974) mit Hilfe von Video- und 35-mm-Film-Aufnahmen den behaupteten Authentizitätsgehalt der beiden Medien mit der ebenfalls "gemachten" Poesie ab.

© Susanne Kaeppele - Mannheimer Morgen, 28. November 2007



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