JUNGE TALENTE: Die Künstlerin Sophie Sanitvongs steigt der Stadt aufs Dach und ab März in den Container

Identitäten, Hochhäuser, Wolle

Ab 22 Uhr beginnt für Sophie Sanitvongs die beste Arbeitszeit, wenn keiner mehr anrufen kann, bis vier oder fünf Uhr morgens. "Um drei Uhr nachts fällt mir ein Wort ein, das spricht zu mir, will in den Computer" und wird dann typografisch originell in einer Weiterentwicklung der "Konkreten Poesie" bearbeitet. "Ich habe da gar nichts mit zu tun", erklärt die junge Künstlerin munter. Eigentlich müssten sich die Surrealisten im Himmel freuen, ist es doch genau das, was sie als "écriture automatique" ansprachen und mit allen Mitteln zu erreichen suchten: das Ausschalten des Alltagsbewusstseins, die Aktivierung des Unbewussten.

Die 1979 in Bangkok geborene Künstlerin lebt seit 2001 in Deutschland, studierte an der Freien Kunstakademie Mannheim und merkte schon bald, dass Malerei und Bildhauerei nicht ihr Ding ist. Mit Performances - unvergessen für alle, die dabei waren, ihre siebenstündige Aktion im Herschelbad während der Langen Nacht der Museen 2003 - beschritt sie einen eher seltenen Weg im hiesigen Kunstgeschehen. Richtig bekannt wurde sie hier in der Region durch ihre konzeptuelle Arbeit "Identität", wofür sie 700 Passanten nach ihren -Sophie Sanitvongs - Merkmalen laut Personalausweisschema befragte. Alter, Name, Nationalität und so fort sollten sie schätzen, die Daten wurden dann in den PC eingegeben und die neue Identität von Maria Müller entstand. Sie konnte dieses Werk 2005 im Mannheimer Kunstverein ausstellen und arbeitete dann mit ihrer neuen Identität weiter. Sie wollte Maria Müller im rotem Kleid auf Hochhäusern im Umkreis sehen, was ihr erstaunlicherweise gelungen ist. Denn auf vier Hochhäusern in Mannheim und Ludwigshafen installierte sie dann sich alias Maria Müller im roten Kleid auf einer Leiter und bat Passanten im Vorfeld, sie zu fotografieren. Diese Fotos waren dann im raum 2 zu bestaunen, der leider nicht mehr existenten, innovativen Galerie in der Oststadt.

Jetzt, nach mehr als drei Jahren harter Arbeit, ist Maria erstmal in Urlaub gefahren, eine lange Reise wird sie machen und ab und zu Karten von sich im roten Kleid an Sophie Sanitvongs schicken, die sie dann an Kunstinteressierte weiterleitet. Ab 17. März wird Sophie selbst in der Kultur Container Stadt content.17 im Rahmen der 400-Jahrfeier Wolle spinnen. In einem Container voll mit dem weichen, von der Natur bereitgestellten Material möchte sie sich Geschichten erzählen oder vorlesen lassen, solange bis der Container leer ist. Die Wolle wäscht und kämmt sie selbst, macht alle Vorarbeiten, die nötig sind. Das Künstlernetzwerk laboratorio17 im Jungbusch, zu dem sie gehört, organisiert diese Aktion. Auch ihre Arbeit mit der Sprache geht weiter: Gerade hat sie zwei Bände mit den Wortkompositionen binden lassen, weil, wie sie sagt, "die nicht veralten, die Wortsachen, die werden mir nicht langweilig".

© Susanne Kaeppele - Mannheimer Morgen, 14.02.2007



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